Ohne Handy den Pfad finden

Der nachfolgende Artikel entstammt der Gießener Allgemeinen Zeitung vom 06. Mai 2015. Wir danken für die Veröffentlichung!

Rabenau (rüg/pm). Sie sitzen am Feuer, schlafen im Zelt und tragen fast immer ein Halstuch. Es gibt sie außer in sec s Staaten auf der ganzen Welt verteilt und sie sind nach den großen Weltreligionen mit einer halben Milliarde aktiver und ehemaliger Mitglieder die größte Vereinigung der Welt. DieRede ist von der Pfadfinderbewegung. Eine solche Gruppe gibt es auch im Lumdatal.

Der Stamm „Martin Luther“, benannt nach dem großen Reformator, hat etwa 35 Mitglieder und ist in der evangelischen Kirchengemeinde Londorf aktiv, zu der Londorf, Kesselbach, Allertshausen sowie Climbach gehören. „Wir fühlen uns aber nicht nur zu diesen Orten, vielmehr zu unserer Region zugehörig. Deswegen ist auch das Lumdatal ein Teil unseres Namens“, heißt es auf der Homepage des Stammes.

„Gutes Tun braucht kein Gesetz“

Wie beschäftigen sich Kinder und Jugendliche heute? Kaum ein Kind ohne 5pielekonsole, Handy oder Computer. Durch G8 (verkürzte Schulzeit) wird auch von der Schule immer mehr der täglichen Freizeit den Jugendlichen abverlangt. „Die Pfadfinderei bietet eine Alternative zum Schulbankdrücken und der häufig einseitigen Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen“, meint Jonas Höchst von den Martin-Luther-Pfadfinder. Und zwar abseits des Klischees vom „Jungen in kurzer Hose, der auf der Suche nach einer alten Dame, der er über die Straße helfen kann, ist“.

Denn der Leitspruch „Jeden Tag eine gute Tat“ sei nicht wörtlich zu verstehen. Gutes zu tun brauche kein Gesetz. „Es ist eine Botschaft, die wir den Kindern über die Jahre versuchen zu vermitteln. Das Reflektieren des eigenen Handelns hat doch eine viel wichtigere Bedeutung als, das sture Befolgen von gegebenen Regeln“, so Höchst.

Bei den Pfadfindern gibt es Methoden, die dies vermitteln sollen. Statt einen Trainer, der Anweisungen gibt oder einem Lehrer, der Aufgaben verteilt, wird die Gruppe in die Planung mit einbezogen. Ein geflügeltes Wort aus der Arbeit: „Pfeif auf die Regeln – probier es aus!“ Natürlich könne man Kinder nicht sich selbst überlassen. „Aber man kann sie leiten, damit sie erkennen was gut für sie ist und von was sie eher Abstand halten sollten. Auf die heiße Herdplatte fasst man eben nur ein einziges mal“, so Höchst.

Viel wichtiger sei jedoch der Umgang miteinander, zwischenmenschliche Verhaltensweisen, die ansonsten auch unter der immer knapper werdenden Freizeit leiden würden. In den Gruppenstunden und vor allem auf den Freizeiten soll dies vermittelt werden. Backen, Kochen, Knoten üben oder auch gemeinsam eine Flussüberquerung schaffen – das stärkt Zusammengehörigkeitsgefühl und Verantwortungsbewusstsein.

Auch das gehört zu den Gemeinsamkeiten: Martin-Luther-Pfadfinder stärken einem Geländespiel in geselliger Runde.

Auch das gehört zu den Gemeinsamkeiten: Martin-Luther-Pfadfinder stärken einem Geländespiel in geselliger Runde.

Beliebt sind natürlich die Lager. Vor zwei Jahren war man in Ungarn, im August steht die Hallig Hooge auf dem Programm. Auch für die Verteilung des Friedenslichtes zu Weihnachten engagieren sich die Lumdatal-Pfadfinder oder schlagen beim Allendorfer Nikelsmarkt ihre Jurte auf, um die Besucher mit Getränken zu verköstigen.

Spaß haben und etwas lernen

Höchst: „Über die vielen Jahre entwickeln sich so in der gemeinsam alternden Gruppe Werte, die das Leben auch außerhalb des Pfadfinderischen beeinflussen. Die Fähigkeiten, Ansichten und Werte eines jeden einzelnen gehen in das Kollektiv der Gemeinschaft ein. So passiert es dann auch, dass Personen, die schon lange nicht mehr Teil unserer aktiven Arbeit sind, auch nach Jahren noch sagen: Einmal Pfadi, immer Pfadi!“ Seit Oktober vergangenen Jahre gibt es zwei neue Gruppen im Pfadfinderstamm Martin Luther. Auf die Frage, wie sie zum Mitmachen gekommen seien, hätten die meisten Kinder erklärt, dass sie durch Freunde, Geschwister oder ihre Eltern auf die Gruppenstunden hingewiesen wurden. Schon spannender sei dann die Frage gewesen, warum sie dabei geblieben sind. „Weil’s Spaß macht und man etwas lernen kann“, habe man von verschiedenen Kindern zu hören bekommen. Das Spielen in der Natur sei als positiver Aspekt genannt worden.

Die Verleihung des Halstuchs sei für einige ein Höhepunkt gewesen, berichtet Höchst weiter. „Wir tragen das Halstuch um uns gegenseitig zu erkennen und um uns unsere pfadfinderische Identität immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Die Kinder empfinden sich mit der Übergabe des Halstuchs als Teil der Gruppe und unserer Gemeinschaft.“

Die Gruppenstunden finden außerhalb der Schulferien im evangelischen Gemeindezentrum in Londorf statt. Es gibt insgesamt sechs Gruppen: Die „Meute Balu<“ (7-10 Jahre) trifft sich montags um 17.30 Uhr, die Jungpfadfinder (1O/11 Jahre) der „Sippe Marsupilami“ freitags um 15 Uhr, die „Grauwölfe“ (10/11) freitags um 16.30 Uhr, die „Königstiger“ (12/13) donnerstags um 16.30 Uhr, die „Luchse“ (Pfadfinder 14/15 Jahre) freitags um 18.15 Uhr und die „Steinmarder“ (15/16) mittwochs um 18.30 Uhr.

2015-05-06-ohne-handy

Scan-Version des Artikels „Ohne Handy den Pfad finden“, Gießener Allgemeine Zeitung, 06. Mai 2015.

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